08 Mrz

Ein Produkt ist das Ergebnis einer Multiplikation

Mancher normale Mensch fragt sich bestimmt, was der typische IT Admin so in seiner Freizeit tut. Ganz viele wichtige und sinnvolle Dinge natürlich, darunter auch fernsehen. So nannte man das jedenfalls früher, als man 2 Meter von der Glotze entfernt saß und „fern sah“. Heute wäre es vielleicht ein „Hey yo! Ich zieh‘ mir gerade den Live-Stream meiner Lieblingsserie über den neuen FeuerTV USB 4.0 Megaspeed Stick rein, aber nur in 4K und mit VR und so!“
Aus einer derartigen Tätigkeit, oder sollte es nicht besser Untätigkeit heißen, resultiert durch massive Reizüberflutung gelegentlich eine verzerrte Rezeption des Gezeigten. So auch in diesem Fall, bei dem ich die Werbebotschaft eines bestimmten Produkts auf Anhieb falsch verstand und in erster Reaktion mir selbst einen Produkttest vorschlug. Diesen möchte ich niemandem vorenthalten. Über das zu schreiben, was einen so bewegt, soll ja bekanntlich einen heilenden Effekt haben…

Produkttest: „Tempo protect“
Aufgrund der Ankündigung von „Tempo protect“ in einem Fernseh-Werbespot möchte ich dieses Produkt gerne auf seine Praxistauglichkeit hin untersuchen.
In besagtem Spot heißt es: „Tempo protect – mit zusätzlichem Schutz dank antibakteriellem und antiviralem Wirkstoff.“ Ob und in welcher Form diese Äußerung hält, was sie verspricht, soll dieser Test in Erfahrung bringen. Insbesondere der angeblich vorhandene antivirale Wirkstoff weckt meine Neugier und wird natürlich genauer beleuchtet.

Lieferumfang
„Tempo protect“ kommt standardmäßig als Verpackung zu 9 Einheiten und in einem Format von ca. 10cm x 5cm bei einer Dicke von etwa 2cm daher. Das entspricht grob den Ausmaßen eines Mobiltelefons des Typs Nokia 2110, das Ende der 1990er produziert wurde. Das ist definitiv nicht mehr zeitgemäß. Hier sollte der Hersteller über ein weniger antikes Design nachdenken.
Schon beim Öffnen der dünnwandigen Verpackung wird schnell klar: hier ist der technisch versierte Fachmann und natürlich auch die ebenso versierte Fachfrau gefordert. Ohne mitgelieferte Betriebsanleitung – dies ist wohl der sehr effizienten Verpackungsumsetzung zuzuschreiben – steht der potentielle Benutzer vor der Frage, wie „Tempo protect“ denn genau anzuwenden ist. Weiter fehlen die obligatorischen Hinweise zu den  innewohnenden Gefahrenstoffen völlig. Auch ist keine Klausel zu irgendwelchen Haftungsausschlüssen sichtbar. Der Hersteller muss sich also in Bezug auf die Qualität seines Produkts vollkommen sicher sein, Respekt!

Handhabung
Eine Einheit lässt sich einfach aus der Packung ziehen und dank einer ausgeklügelten Faltmechanik auf seine maximale Ausdehnung aufklappen. So beträgt die Fläche besagter Einheit nunmehr das 8-fache der Ausgangsgröße. Notebook-Hersteller sollten sich dieses Prinzip lizenzieren lassen, weil es wertvollen Platz spart und in seiner Anwendung einfach und äußerst praktikabel ist!
Ein so entnommenes und entfaltetes Sheet – im Fachjargon „Taschentuch“ genannt – zeigt seine Wirkung laut Verpackungsaufdruck auf Layer 4. Verwirrend ist hier die Bezeichnung „4-lagig“, vermutlich nur ein Übersetzungsfehler. Das legt den Verdacht nahe, dass zumindest die Außenverpackung günstig in Fernost produziert wurde.

Anwendungsfall 1
Soweit zur äußeren Anmutung. Kommen wir nun zur praktischen Nutzung. Ich habe ein im Alltag durchaus gewohntes Anwendungs-Szenario vorbereitet, in dem es darum geht, die angeblich antivirale Wirkung an einem handelsüblichen Notebook mit kabelbasiertem Netzwerkanschluss zu evaluieren.
Die Größe eines Sheets ist unverständlicherweise maßlos überdimensioniert, es lässt sich aber sehr einfach in kleinere Stücke zerteilen. Hier kommt wieder der oben erwähnte Faltmechanismus zum Tragen: die Faltkanten kennzeichnen die Sollbruchstellen für eine mehr oder weniger saubere Zerkleinerung eines Sheets (siehe Abbildung 1).

01_sheetAbbildung 1: Das einzigartige Falt-Konzept zeigt seine Vorteile.

Nun kommt der für den gemeinen Administrator wichtigste Schritt zur Aktivierung der versprochenen Wirkung: das ausgelöste Sheet-Stück wird einfach in den Netzwerk Port eingesetzt und ein Standard RJ45 Netzwerkkabel aufgesteckt – fertig (vgl. dazu Abbildung 2). Man benötigt keine nervenden Adapter oder sonstiges Spezialwerkzeug, super!

02_sheetshieldAbbildung 2: Gesicherte Verbindung auf Layer 4

Wie wirkt „Tempo protect“?
Nun, um es auf den Punkt zu bringen: Tadellos! Ich konnte seit der Anwendung keine weiteren Einflüsse durch ankommende Viren feststellen. Allerdings muss ich mich seitdem mit Problemen in der Netzwerk-Konnektivität herumschlagen. Entnehme ich das Sheet-Stück testweise wieder, sind die Netzwerk-Probleme verschwunden. Anscheinend muss hier noch grundlegende Produktpflege betrieben werden.
Im Internet kursieren Gerüchte, dass das Umwickeln des Netzwerkkabels auf voller Länge mit „Tempo protect“ erhebliche Verbesserungen in der Performance zeigen soll. Das konnte ich in meinen Tests mit einem 20 Meter langen Cat.6 Kabel leider nicht bestätigen, u.a. weil der Vorrat aus 9 Sheets dazu nicht ausreichte.

Anwendungsfall 2
Der Einsatz einer WLAN-Verbindung dürfte viel häufiger anzutreffen sein, als die kabelgebundene Lösung aus dem ersten Test. Intuitiv wandte ich die Sheets auf das gesamte Gerät an (siehe Abbildung 3) und war auch hier verblüfft, wie einfach und schnell sich dies erledigen ließ. Nur gab es hin und wieder Probleme bei der Fixierung der Sheets aufgrund der geforderten lückenlosen Abdeckung. Nun aktivierte ich am Test-Notebook das WLAN-Interface. Gegenüber der Kabelvariante bestand die Netzwerkverbindung hier weiter. Aber auch in diesem Fall gab es gleich drei gravierende Nachteile: zum einen war der Bildschirminhalt nur noch schemenhaft erkennbar und die Tastatur konnte ausschließlich im Blindflug bedient werden. Besitzer von beleuchteten Tastaturen sind hier klar im Vorteil. Drittens der wichtigste Punkt: Der antivirale Schutzschild schien überhaupt nicht zu funktionieren. Testweise versendete verseuchte E-Mails kamen überraschenderweise ungefiltert an.

03_sheetshield2Abbildung 3: Komplett geschütztes Notebook

Fazit
„Tempo protect“ ist ein nur teilweise ausgereiftes Produkt. Es hält die angebotene und hier getestete Funktion zwar im Kabelbetrieb ein, wirkt im WLAN leider gar nicht oder zumindest nicht messbar. Zusätzlich erkauft man sich die Vorteile mit teils schwerwiegenden Trade-Offs. Hier muss der Hersteller auf jeden Fall nachbessern. Vielleicht tragen neuere Sheets mit einer aktualisierten Firmware zu einer positiven Entwicklung bei.
Noch ein gut gemeinter Rat an die Design-Abteilung: Bitte auch andere Farben als reinweiß anbieten!
Das Preis-/Leistungsverhältnis ist unschlagbar und würde noch weiter optimiert, falls die oben geschilderten Probleme nachhaltig behoben würden.
Ich werde weitere Ankündigungen zu „Tempo protect“ verfolgen und gegebenenfalls ein Update zu diesem Test nachliefern.

Update 1: Mittlerweile habe ich die Nutzung von „Tempo protect“ in technischer Hinsicht aufgegeben. Die Herstellerseite ist bezüglich Support und Produkt-Updates sehr unprofessionell aufgestellt. Auch die telefonische Hotline entgegnete meinen Fragestellungen nur mit Verwunderung und wimmelte mich nach kurzer Zeit aggressiv unter Androhung von rechtlichen Konsequenzen ab – Frechheit!

Update 2: Erfreulicherweise stieß ich gestern rein zufällig auf ein nicht dokumentiertes Feature: Man kann sich mit einem Sheet toll die Nase putzen!

995 Wörter, 65 Sätze
15 Wörter durchschn. Satzlänge
36,8% Anteil langer Wörter
51,8 LIX
Schwierigkeit mittel

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