12 Mrz

Overkill auf voller Bandbreite

Die technische Entwicklung im Gebiet der Ver- und Bearbeitung von Klängen in digitaler Form hat den heimischen Arbeitsplatz in Gestalt des omnipräsenten „Homestudios“ längst revolutioniert. Es stellt für den halbwegs technik-affinen Klangspezialisten zuhause überhaupt kein Problem mehr dar, Töne zu manipulieren, Räume zu emulieren und Klangteppiche zu synthetisieren – und das alles in Echtzeit. Die einzige Voraussetzung zur Freisetzung dieser höchstgradig kreativen Schaffens-Energie ist das Vorhandensein entsprechend potenter Hardware. Dabei spielt es nur eine untergeordnete Rolle, ob der Künstler am eigenen Smartphone oder mithilfe eines komplett ausgestatteten Multimedia-Rechners seinem Hobby frönt. Die passenden Drehschräubchen, ganz gleich ob in Hard- oder Software gegossen, liefert die Musikindustrie durch hippe Gagdets oder Apps oder wie auch immer die gerade aktuelle Bezeichnung dafür lautet.

Diese Konsumspirale der immer „intelligenter“ werdenden Zusatzgeräte und Software-Plugins dreht sich proportional zur Entwicklung der darunterliegenden Halbleiter-Elektronik immer schneller. Verstärkt wird dieser Effekt noch durch Werbebotschaften, die eine möglichst hohe Verschwendung von Ressourcen nahelegen. So werden z.B. Audiosignale verarbeitet, die überhaupt nichts mehr mit einem hörbaren Frequenzgang geschweige denn einer praxisbezogenen Dynamik zu tun haben. Diese künstlich hochgejubelte Jagd nach immer besser, immer schneller und immer genauer bringt uns nicht dem erhofften Hörgenuss näher. Vielmehr schleppen solche Zielsetzungen in immer größerem Maß Seiteneffekte mit sich, die man mit einer vernunftbezogenen Auslegung des minimal Nötigen gar nicht erst hervorrufen würde. Wer möchte schon in einem Geigenkonzert die Flöhe husten hören?

Dazu ein Vergleich aus dem automobilen Sektor: Wie würde ein möglicher Käufer eines Neuwagens reagieren, wenn ihm der aalglatt gegelte Verkäufer freudestrahlend verkündet, dass die aktuelle Ausprägung des SUV-Modells sagenhafte 2 Liter Hubraum und damit 120 Pferdestärken mehr hat als der Vorgänger. Von allen Daten und Fakten geblendet, wäre der Käufer sicherlich überwältigt ob dieser brachialen Gewalt. Aber dass der Kofferraum etwas kleiner ausfällt, weil die Karosse mit dicken Stahlplatten bewehrt wurde, damit die Reifen des Wagens überhaupt noch eine Reibung auf trockendem Asphalt erfahren und das Automobil in sich stabil bleibt, wird geflissentlich verschwiegen. Damit ist der beworbene Vorteil der stärkeren Motorisierung durch massiv erhöhtes Eigengewicht quasi hinfällig, wenn nicht sogar rückläufig.

In ähnlicher Weise entwickeln sich tendenziell die häuslichen Klangstuben. Die Verhältnismäßigkeit zum angepeilten Ziel einer „einigermaßen“ gut klingenden Aufnahme wird komplett aus den Augen verloren. Übertrieben dargestellt verhält sich die Qualität des Ausgangsmaterials zur Güte des Equipments stark gegenläufig, eben anti-proportional. Oder noch besser: das Gegenteil von analog – etwa digital? Wobei das wie auch immer geartete musikalische Können des Aufahmewilligen für diese Betrachtung als konstant angenommen wird. Ich möchte schließlich niemandem zu nahe treten.

Tut es denn nicht ein Stereosignal mit 44,1 kHz Abtastrate und 16 Bit Auflösung, so wie es sich unsere Vorfahren schon seit ca. 1984 mit der Verbreitung der Audio-Compact-Disc auf die Ohren gaben? Warum muss eine heimische Produktion denn unbedingt mit 192 kHz bei 32 Bit gefahren werden? Nicht nur, dass hierbei das knapp 9-fache an Daten einer Verarbeitung harren, auch müssen die umgebenden Gerätschaften dafür ausgelegt sein. Der wichtigste begrenzende Faktor sind Ausgabegeräte wie z.B. Hifi-Boxen oder Kopfhörer. Der Frequenzgang der meisten dieser Schallwandler hat sich über die Zeit de facto nur marginal geändert, weil sich das menschliche Ohr und sein Aufnahmevermögen in den letzten 30 Jahren kaum verändert haben können. Eine evolutionär bedingte genetische Anpassung dürfte nach einer derart kurzen Zeit nicht messbar zu Tage treten.

Im Gegensatz zum exorbitant wachsenden Ressourcen-Hunger der anbietenden Seite der Musikproduktion, ist der Trend zu „weniger ist mehr“ im musik-konsumierenden Großteil der Bevölkerung bereits lange angekommen. Viele Benutzer kennen nicht einmal mehr die einstige Daseinsberechtigung eines CD-Players geschweige denn eines Tape-Decks im trauten Heim – Stichworte MP3, Smartphone und In-Ear-Kopfhörer, mit Mikrofon landläufig auch als Headset bezeichnet. Hier geht es nicht um übertriebene Verarbeitungsgeschwindigkeit, sondern die Mobilität steht im Vordergrund. Die heutigen Smartphones wären um einiges unförmiger, würde sich die anbietende Musikindustrie nicht von der „verbrauchenden“ Gesellschaft Einhalt gebieten lassen.

Und die Moral von der Geschicht? „Übertrieben viel, das mag ich nicht!“
Man sollte sich auf das Wesentliche und Sinn-ergebende konzentrieren, dann wird auch eine realistische Klang-Abbildung mit möglicherweise herzerweichendem Charme daraus. Die Werkzeuge dafür sind meist erschwinglich – nur die nach Umsatz lefzende Industrie schaute (Konjunktiv II Präteritum Aktiv) dann enttäuscht aus der Wäsche…

683 Wörter, 33 Sätze
20 Wörter durchschn. Satzlänge
37,53% Anteil langer Wörter
57,53 LIX
Schwierigkeit hoch
(Notiz an mich: viele zusammengesetzte Wörter und endlose Schachtelsätze - in Zukunft vermeiden!)